Reviews

Alban Berg, LULU
Weimar
January 21, 2017

23.01.2017

Thüringer-Allgemeine

Ursula Mielke

Weimar. Mit dem durch den österreichischen Komponisten Friedrich Cerha vollendeten dritten Akt, was ohne Wissen der Berg-Witwe Helene geschah, kam "Lulu" nun erstmals am Deutschen Nationaltheater Weimar zur Premiere und bereitete dem Haus im Vorfeld nicht wenig Stress. Doch alle Mühen und Unwägbarkeiten sind schnell vergessen, wenn der Premierenjubel aufbraust.

Er war verdient, und am meisten für den welterfahrenen "Lulu"-Spezialisten und US- amerikanischen Dirigenten Stefan Lano. Durch eine Unmenge musikalischer Details mit einer spitzfindigen Motivik, mit schillernden, schnell wechselnden Klangfarben sowie mit einer vertrackten, polyrhythmischen Struktur hatte Stefan Lano die Weimarer Staatskapelle zu führen. Er tat es höchst konzentriert, kompromisslos und exakt, sodass er nach vielen dirigierten "Lulu"-Aufführungen konstatierte, dass er mit derjenigen in Weimar am glücklichsten sei.

27.01.2017

MDR-Leipzig
Atemberaubende Klanglandschaften – Alban Bergs „Lulu“ in Weimar

Dabei stand die Produktion unter einem gar nicht so guten Stern: Martin Hoff, 1. Kapellmeister am Haus und mit der Einstudierung der Partitur betraut, starb völlig überraschend im August 2016 mit 51 Jahren. Ende November übernahm Patrick Lange, zukünftiger GMD am Staatstheater Wiesbaden, das Dirigat, musste es aber Anfang diesen Jahres krankheitsbedingt wieder abgeben. „Ersatz“ fand das Theater in Stefan Lano, dem US-amerikanischen Dirigenten – ein Glücksfall, denn Lano kennt Bergs Partitur seit Jahrzehnten, arbeitete als Repetitor für Friedrich Cerha, der die „Lulu“ in die heute meist gespielte dreiaktige Fassung brachte. Als Dirigent schließlich war Stefan Lano dafür verantwortlich, die Oper unter anderem in Buenos Aires und San Francisco aufzuführen, er kennt das Stück also in- und auswendig.

...Stefan Lano entwickelt mit der Staatskapelle Weimar atemberaubende Klanglandschaften, in jedem Moment voller Spannung, voller Energie und mit Emotionen aufgeladen. Allein dieses Orchester-Ereignis lohnt schon für sich den Weg nach Weimar, Elisabeth Stöpplers Interpretation darüber hinaus.

23.01.2017

O-Ton Kultur Magazin

Horst Dichanz

Die Musik erhält in Lulu einen neuen Stellenwert im Vergleich zu bekannten Opernwerken. Sie tritt als gleichgewichtiges Element neben den erzählenden Text, der rezitiert oder gesungen wird. Berg kümmert sich wenig um bekannte Formate, verzichtet aber nicht darauf, musikalisch starke Akzente zu setzen. Mancher Zuhörer wird an Wagner-Passagen erinnert, vor allem, wenn eine kräftige Bläser Gruppe mit Fortissimo in den Vordergrund tritt.

...Stefan Lano, versiert in Aufführungen zeitgenössischer Musik, gelingt mit der Staatskapelle Weimar ein stimmungsvolles Klangbild, das die vielen Facetten des Bühnengeschehens bestens unterstreicht.

...Stefan Lano gelingt es, der Musik Alban Bergs ungewohnten Glanz zu verleihen und sie zugänglicher zu machen. Marisol Montalvo kann die Expressivität ihrer Lulu im Verlaufe der Vorstellung deutlich steigern, dem Zuschauer fällt es leicht, ihr diese Rolle als “Herzstück” ihrer Bühnenarbeit“ abzunehmen. Das Premierenpublikum bedankt sich herzlich und lange für einen Opernabend der besonderen Art, der je länger je mehr überzeugt.

17.03.2017

Leipziger Volkszeitung

Roland Dippel

Die beiden Retter, Protagonistin und Dirigent, bringen als weltweit gefragte LULU-Experten sogar etwas wie befreiende Unbefangenheit in diesen rasanten Absturz.

...Am Pult steht Stefan Lano, den LULU nach Assistenzen bei Friedrich Cerha und Lorin Maazel seit über 30 Jahren an viele große Opernhäuser geführt hat. Er befreit die Staatskapelle Weimar von allen Versagensängsten angesichts des höllisch schweren Werks. Und dann entdeckt er in Alban Berg auch noch den Romantiker. Egal, ob man sonst mehr Reibungsflächen zu Kurt Weill, Gustav Mahler oder Richard Wagner aus der Partitur lesen will: Lano an der Spitze reißt mit dem ganzen Ensemble ein grausiges Panorama von Entfremdung und menschlicher Verwüstung auf, das seinesgleichen sucht. Ganz große Oper mit peinigenden Nadelspitzen unter die Haut, und trotzdem stirbt die Hoffnung nicht.